Fast 200 Wikipedia-Autoren haben vergangene Woche den unerwarteten Schritt gemacht, ein Misstrauensvotum gegen eines der zwei neuen Vorstandsmitglieder der Wikimedia Foundation zu stellen. Es handelt sich dabei um Arnnon Geshuri, der für Google und Tesla tätig war bzw. ist und in der Vergangenheit in mehrere Skandale verwickelt war.

Die Wikimedia Foundation, die die massive Online-Enzyklopädie und weitere zusammenhängende Projekte leitet, ernannte erst Anfang diesen Jahres Arnnon Geshuri als neues Vorstandsmitglied. Seine Ernennung wurde von der Wikipedia-Community, die aus freiwilligen Autoren besteht, äußerst kritisch wahrgenommen. Erst letzte Woche rief ein Autor „zu einem Misttrauensvotum gegen Arnnon Geshuri“ auf.

Vorstandsmitglied Arnnon Geshuri. (Foto: Myleen Hollero/Wikimedia Foundation)

Vorstandsmitglied Arnnon Geshuri. (Foto: Myleen Hollero/Wikimedia Foundation)

Die Urheber des Votums sammeln noch immer Stimmen und obwohl das Votum keine gesetzliche Bindung besitzt, ist es ein starkes Zeichen an den Vorstand rund um den Kuratoriumsvorsitzenden Patricio Lorente und den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Bisher haben mehr als 200 Wikipedia-Autoren das Votum unterschrieben. Aktuell haben rund 20 Autoren, darunter zwei Mitglieder des Vorstands, gegen das Votum gestimmt.

Geshuri besitzt einen eindrucksvollen Lebenslauf. Von 2004 bis 2009 hat er für Google im Personalmanagement gearbeitet. Er leitete eine Abteilung von 900 Personalvermittlern, die jährlich rund 2.5 Millionen Bewerbungen pro Jahr bearbeiten. 2009 wechselte er dann zu Tesla Motors, wo er ebenfalls im Personal Management bis heute tätig ist. Grund für das Misstrauen gegenüber Geshuri sind mehrere kleine und größere Skandale, bei denen er meist wesentlich beteiligt gewesen zu sein scheint.

Hauptgrund für die Ablehnung gegenüber Geshuri ist wohl ein Kartellisierungsskandal aus den Jahren 2005 – 2007, der im englischen Sprachraum als „no poaching scandal“ für Furore sorgte. Bei diesem Skandal sollen sich namhafte Konzerne des Silicon Valleys darauf geeinigt haben, sich gegenseitig keine Mitarbeiter abzuwerben. Geshuri wird bei diesem Skandal eine wesentliche Beteiligung zugesprochen. Rund 64.000 Mitarbeiter reichten eine Sammelklage ein, die Anfang 2014 durch eine außergerichtliche Zahlung von rund 325 Millionen Dollar beigelegt wurde.

In einer Email aus 2007, als Geshuri noch für Google gearbeitet hat, soll er seinem Boss, Eric Schmidt, versichert haben, dass ein Mitarbeiter, der Kontakt zu Vertretern des Konkurrenten Apple hatte, „innerhalb der nächsten Stunde terminiert“ wird. Dieser Fall wurde 2015 ebenfalls durch außergerichtliche Zahlungen gelöst, bevor der Fall angehört werden konnte.

In der Community von Wikipedia, die besonders im anglo-amerikanischen Raum stark liberal geprägt ist, werden die Skandale um Geshuri als schwere Verstöße gegen die eigenen Grundsätze betrachtet. Während er sich bei den Autoren den Ruf eines „Korporatisten“ und eines „Humankapitalisten“ eingefangen hat, der gegen die Grundsätze eines freien und fairen Wettbewerbs verstößt, beschwichtigt Geshuri selbst die Vorwürfe. Er selbst hätte sich gewünscht, einen „unterstützenden und positiven Ton rund um seine Berufung vorzufinden“, er „verstehe und respektiere aber die Wichtigkeit freier Meinungsäußerung zutiefst“. Zu den konkreten Vorwürfen äußerte er sich, dass „Missverständnisse“ vorlägen und es „mildernde Überlegungen“ zu machen gäbe.

Eine offizielle Stellungnahme der leitenden Kräfte von Wikimedia blieb bis zuletzt aus.